Eine Weihnachtsgeschichte vom Jahr 1956

von Josef Klemeyer

Ingolstadts verwunschene Weihnachtsgschichte Nummer 19

Es war ein wunderschöner Winter morgen der 24.Dezember 1956. Es war klirrend kalt, die Sonne strahlte, die Eiskristalle von dem in der Nacht gefallenen Neuschnee funkelten wie Sterne. Meine drei Schwestern Sigrid geb. 1949, Christa geb. 1950, Inge geb. 1951 und ich Josef der Jüngste geb. 1952 hatten auf der Schotterstraße die direkt vor dem Haus vorbeiführte einen Schneemann mit großen Schneekugeln gebaut. Unser Papa, der den Neuschnee vorm Haus geräumt hat, half uns die Schneekugeln aufeinanderzustellen. Mama, die gerade heimgekommen war, hatte bereits begonnen im Schlafzimmer den Christbaum zu schmücken, eine Wohnstube gab es nicht. Wir hatten in unserem Haus nur zwei Zimmer, ein Schlafzimmer, einen Flur, in dem der Schöpfbrunnen hinter einer Holzstiege stand, die auf den Dachboden führte, der Schnee lag auch hier Zentimeter hoch, der in der Nacht durch die Dachziegel geweht wurde, gegenüber die Küche, mit einem Schrank, einem Tisch mit Eckbank und Stühle, einem gemütlichen Kanapee und einen Holzofen in dem das Feuer so herrlich prasselte wenn es draußen Bitterkalt war.

Das der Christbaum bereits am Vormittag und im Schlafzimmer und nicht wie sonst, während wir am späten Nachmittag in der Kinderchristmette waren in der Küche geschmückt wurde, hat sich ergeben als einen Tag vor Heiligabend in unserem Ort Pförring eine ältere Bauersfrau gestorben war. Meine Mutter war Leichenfrau und Leich Einsagerin im Ort und den umliegenden Dörfern. Der Pfarrer und meine Mama waren die ersten die es erfuhren, wenn jemand verstorben war. Die Aufgabe meiner Mama war, verstorbenen zu waschen, einzukleiden und im Haus aufzubahren, wie es damals üblich war, damit die Angehörigen, Verwandten und Nachbarn Abschiednehmen konnten. Dabei hat sie alles Wissenswerte über die Verstorbenen erfahren, wie Alter, Krankheiten, wann die Beerdigung ist und so weiter, um beim anschließenden Leichensagen, in Pförring und den umliegenden Ortschaften genügend Informationen zu haben. Sie klopfte an jede Tür und alle wollten es immer ganz genau wissen, denn eine Zeitung hatten damals noch die wenigsten. Der Tag verging dabei wie im Flug und es war einen Tag vor Heiligabend. Deshalb hatte es meine Mama auch sehr eilig.

Gleich am selben Tag war sie in Pförring unterwegs, was sie, wenn auch bis in den späten Abend noch geschafft hat. Bei jedem Haus bekam sie dafür als Dank eine kleine Gabe wie ein oder zwei Eier, Schmalznudeln, Lebkuchen wegen der Weihnachtszeit, ab und zu auch mal eine Brat oder Leberwurst, auch mal ein Stück Fleisch von der Hausschlachtung an Weihnachten oder ein paar Pfennige, fünf oder zehn manchmal auch Zwanzig, wenn sie viel zu erzählen wusste.

Am nächsten Tag machte sie sich in aller Herrgotts früh mit langen Unterhosen vom Papa, Dicke Wollmütze und zwei Paar Handschuhe mit dem Fahrrad auf den Weg nach Gaden einen Ortsteil von Pförring. Gaden hat nur 15 Häuser, deshalb dauerte es auch nicht allzu lange bis sie wieder zurückkam. Während dem verspäteten Frühstück mit Tee und Marmeladenbrot hatte die Mutter dem Papa gesagt das sie den Weihnachtsbaum jetzt gleich schmücken möchte, da sie nicht wusste wann sie Abends zurückkam und es dann nicht mehr schaffen würde bis wir von der Kirche kamen. Musste sie doch noch nach Ettling, was immer länger dauerte als anderswo, denn die Ettlinger, wie sie bei uns genannt werden, waren fast alle Bauern und sieben Tage die Woche mit Arbeit beschäftigt. Deshalb erfuhren sie auch sehr wenig darüber was seit der letzten Beerdigung in und um Pförring geschehen ist, sie war sozusagen die Lebende Zeitung, eine halbe Stunde in einem Haus war nicht selten.

Und so kam es also, das Mama den Christbaum im Schlafzimmer schmückte, das wir ihn bis zum Abend nicht sehen konnten und wir eben draußen im Schnee spielten, was sehr lustig war. Es war bereits Mittag als sie fertig war, es gab noch eine Heiße Brotsuppe mit Kartoffelstampf, als Mama plötzlich ganz geheimnisvoll flüsterte, das Christkind hat mir gesagt, da es sehr viel zu tun hat und schon am Nachmittag zu uns kommt, um im Schlafzimmer alles für heute Abend vorzubereiten und es deshalb nicht betreten dürfen. Wir starten alle wie gebannt auf die Schlafzimmertür gegenüber und trauten uns kein Wort mehr zu sprechen. Mama, machte sich eilig mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Ettling und versprach, bald wieder hier zu sein. Bis zur Kinderchristmette fuhren wir mit dem Papa Schlitten, die Vorfreude auf den Heiligen Abend war riesengroß, alle waren voller Erwartung.

Die Kindermette war sehr feierlich, am Ende sangen wir gemeinsam Stille Nacht, Heilige Nacht, alle Gesichter strahlten und jeder wollte jetzt nur noch schnell heim. Inzwischen tobte draußen ein gewaltiger Schneesturm, Der Wind peitschte uns die großen Schneeflocken ins Gesicht, wir hielten uns beim Papa ganz fest und machten uns dicht aneinandergedrängt auf den Heimweg. Daheim angekommen war alles Dunkel, die Mama war noch nicht zurückgekehrt. Papa klopfte uns den Schnee von den Kleidern und blickte dabei sehr sorgenvoll. In der Küche war nicht wie erwartet der Christbaum mit den Gaben und es war kalt. Papa hatte es plötzlich sehr eilig, er setzte uns aufs Sofa, gab uns Decken, schürte noch den Herd an und während er seine dicke Jacke wieder überzog, rief er noch an der Haustüre nach der Mama zu suchen und dass er bald wieder da ist.

Plötzlich war alles Still. Nur das Feuer prasselte im Ofen. Draußen heulte der Wind, als ob er unser Haus umblasen möchte. Die Angst kroch in uns hoch, die Decken hochgezogen kauerten wir uns zusammen, wagten kaum zu Atmen. Die Nacht, der Wind und die stille beflügelten unsere Fantasie. Vielleicht hat sie ein Löwe gefressen sagte Inge leise, oder ein Krokodil flüsterte Christa, mir fiel nur der riesige Elefant ein, der sie mit dem Rüssel gepackt haben könnte, worauf Sigrid die Große Schwester meinte das es bei uns gar keine Elefanten gibt was mich aber nicht sonderlich tröstete. Plötzlich knarrte die Haustüre, wir alle erschraken fürchterlich und Sigrid fiel ein, dass sie nicht abgesperrt war, was uns alle noch enger zusammenrücken, lies und keiner wagte es aufzustehen, um den Schlüssel umzudrehen. Der Schrecken war uns ins Gesicht geschrieben und die Furcht war unerträglich als wir aus der stille Stimmen hörten. Zuerst Mama dann das Klopfen und Stampfen, um den Schnee von den Kleidern zu bekommen, als sie mit dem Papa zu Haustür hereinkam war es für uns, als ob das Christkind vor uns stand, es war wieder Weihnachten. Wir kauerten immer noch unter der Decke und weinten alle vor Erleichterung und Freude und erzählten Mama das wir große Angst um sie hatten. Sie setzt sich zu uns und sagte das ihr nichts zugestoßen sei, die Ettlinger hatten fast alle vor Weihnachten ein Schwein geschlachtet und da es Heilig Abend war sie von allen mit Fleisch und Würsten beschenkt worden, so viel das sie das Fahrrad schieben musste durch den Schneesturm nur mit Mühe vorankam. Jetzt aber schlüpft noch mal unter die Decke, das Christkind wartet schon vor der Tür. Es Quietschte und raschelte, ein emsiges Treiben war zu vernehmen als der Papa uns endlich die Decke wegzog.

Es war alles Dunkel, nur das Licht der Kerzen. Die Kugel und das Lametta am Christbaum glänzten im Kerzenschein und auch wir strahlten vor Freude und staunen, die Puppen meiner Schwestern hatten neue Kleider, der Kaufladen und die Puppenstube waren neu bestückt, in den Tellern lagen Nüsse Mandarinen und glänzende Schokoladensterne, und ganz vorne stand mein sehnlichst Gewünschter Bulldog mit Anhänger der sich von alleine bewegte nach dem er mit dem Schlüssel aufgezogen wurde. Sofort hatte ich ihn mit Nüssen beladen und ließ ihn durch die Küche fahren. Am Warmen Ofen stand ein Topf mit köstlich duftenden Würsten, meine Schwestern umarmten ihre Puppen, meine Eltern zufrieden lächelnd auf dem Kanapee und die Rot und Gelben Farben meines Bulldogs glänzten im Kerzenschein. Mein schönstes Weihnachtsfest das ich jemals erlebt habe.