Die Zeitreise

von Kristina Schmidt

Ingolstadts verwunschene Weihnachtsgschichte Nummer 22

Es war der 22. Dezember 2023 Draußen war es dunkel und es schneite. Grundsätzlich mochte ich Weihnachten. Als Kind habe ich mich immer sehr darauf gefreut. Aber heute war ich gestresst. Dieses Jahr lief nichts nach Plan. Und es waren noch zwei Tage bis Heiligabend. Im Supermarkt gab es keine Oblaten für die Lebkuchen mehr, mein Mann hatte vergessen die Weihnachtsbratenbestellung beim Metzger zu aufzugeben und zu allem Unglück hatte unser Hund seit ein paar Tagen Durchfall.

Am Abend wollte ich noch Butterplätzchen backen, aber wir hatten beim letzten Umzug offenbar die Ausstechformen verloren. Es half nichts, ich musste nochmal ausrücken und Ausstechformen besorgen. Auf den Straßen gab es endlosen Stau, weil jeder noch Last-Minute seine Einkäufe erledigte. Aber ich schaffte es noch eine Viertelstunde vor Ladenschluss in ein größeres Kaufhaus. Jetzt war die letzte Hürde in 15 Minuten in den vierten Stock zu den Haushaltswaren zu kommen. Vor dem Aufzug tummelten sich einige Menschen.

Glücklicherweise entdeckte ich auf der Seite noch einen kleinen moosgrünen Aufzug. Ob der noch fährt? Hmm, Mal ausprobieren dachte ich mir und stieg ein. Ich drückte die Nummer vier. Ein leicht mulmiges Gefühl überkam mich als die Türen quietschend schlossen. Aber wer nicht, wagt der nicht gewinnt. Ich hörte im Aufzug noch ein paar Klänge engelsgleicher Weihnachtsmusik bevor es einen dumpfen Knall gab. Als ich wieder aufwachte war ich leicht benebelt.

Ich stieg aus und blickte sich um. War das das Kaufhaus, in dem ich vorhin gewesen bin? Alles sah irgendwie anders aus. Man könnte meinen, hier wäre die Zeit stehen geblieben. Naja, merkwürdig. Aber wo sollte ich denn sonst sein? Ich lief zum Fenster und blickte hinunter. Da draußen war der Ingolstädter Paradeplatz und das Neue Schloss. Ich war in Ingolstadt. Was für ein Glück. Dieser Weihnachtsstress schien mich dieses Jahr schon sehr mitzunehmen.

Ich hatte noch einiges zu erledigen. Meine To-Do-Liste auf dem Smartphone war lang. Plätzchen backen, Weihnachtsbaum dekorieren, die Geschenke verpacken. Ich beschloss, nicht mehr herumzutrödeln und endlich die Besorgungen zu machen. Ich wollte gerade meinen Mann anrufen, aber blöderweise fand ich mein Smartphone nicht mehr. Nicht auch das noch!!! Ich fasste in die linke Jackentasche und stellte fest, dass auch die Autoschlüssel nicht mehr bei mir waren. Wurde ich jetzt komplett verrückt?

Ich ging durch das Kaufhaus. Es war alles weihnachtlich dekoriert. Auffällig war das Unmengen an Lametta und Lichterketten das Kaufhaus schmückten. Na, wenn das nicht demnächst die Klimakleber auf den Plan ruft, dachte ich mir schmunzelnd. Die Leute in dem Kaufhaus sahen etwas eigenartig aus. Vermutlich war das so Vintage X-Mas Pop-Up Store. Und sie hatten das echt gut gemacht, dass musste man ihnen lassen. Alle hatten aufgeplusterte Jacken und trugen Schulterpolster. Was besorgniserregend war, dass keiner ein Smartphone in der Hand hatte. Musste man das hier am Eingang vielleicht abgeben? Hatte ich deswegen kein Smartphone bei mir? Ich klammerte mich an diesen Gedanken wie an einen Strohhalm, da ich ohne Smartphone echt aufgeschmissen war. Besonders komisch war zudem, dass in diesem Kaufhaus auffällig viele Röhrenfernseher herumstanden, die Werbefilme zeigten. Cool, da war eine Polly Pocket Werbung. Was für ein cooler Vintage X-Mas Pop-Up Store. Geil, vielleicht finde ich hier noch was für meine beste Freundin. Da brauchte ich eh noch ein Geschenk. Als ich im Kaufhaus weiter herumstöberte fiel ich plötzlich aus allen Wolken, als ich in mich im Spiegel sah. Ja, um Himmels Willen, wie sah ich denn aus?

Der Spiegel zeigte ein kleines schlankes Mädchen mit einem Zopf, der mit einer Samtschleife befestigt war. Ich trug eine lilafarbene Kordhose und hatte einen rosa Kinderrucksack auf dem Rücken. Was zur Hölle war hier los? Das konnte doch nur ein Traum sein.

Noch bevor ich mich in den Arm zwicken konnte, packten mich von hinten zwei Arme. „Wo bist du gewesen Süße? Wir haben dich überall gesucht.“ Und ehe ich es mich versah, saß ich auf den Schultern meines Vaters. Woher kamen jetzt auf einmal meine Eltern?

Die haben mich doch gebeten die Katze zu füttern, da sie ein paar Tage in Salzburg waren. Und überhaupt wie sahen sie aus? Mein Vater hatte volles schwarzes Haar und meine Mutter hatte eine Dauerwelle. War das eine Zeitreise? Wo waren mein Mann, meine Tochter und der Hund? Gab es die vielleicht noch gar nicht?

Meine Mutter reichte meinem Vater eine aufgeplusterte Jacke in Lila, eine sonnengelbe Mütze und Fäustlinge. Es war so weird. In diesem Outfit konnte ich doch nicht auf die Straße gehen. „So Schätzchen, wir müssen noch ein paar Weihnachtsbesorgungen machen und nachher gehen wir noch auf den Weihnachtsmarkt mit Oma und Opa“, sagte meine Mutter. Oma und Opa??? Ich war komplett perplex. War ich gerade in einer Zeitschleife gefangen? An Oma und Opa konnte ich mich fast nicht mehr erinnern. Sie waren seit Jahren gestorben. Und jetzt standen sie in voller Blüte auf einmal neben mir.

Das war doch verrückt. Ich fragte mich ernsthaft was meine beste Freundin gestern in ihr neues Thermomix Eierpunsch Rezept gemischt hatte. War ich vielleicht betrunken? Eine Erwachsene, die auf einmal wieder Kind ist. Was für eine Sache. Das mit dem selbständig mit dem Auto heimfahren hatte sich somit für heute auch erledigt.

Und so schlenderte ich, gekleidet in der Trendfarbe Lila, mit der ganzen Familie durch die verschneiten Gassen von Ingolstadt. Es war ziemlich kalt und eisig. Die Menschen waren dick eingepackt und trugen Einkaufstüten herum. Es war ein richtiges Gewusel in der Innenstadt.

Der Duft von gebrannten Mandeln zog um die Häuser und ich bekam selbstverständlich eine Packung. Sie schmeckten echt super. Danach pausierten wir am Imbiss. Eigentlich esse ich ja seit ein paar Jahren kein Fleisch mehr, aber jetzt im Jahr 1989, als Siebenjährige um eine fleischlose Alternative zu fragen, wäre vermutlich eine längere Angelegenheit.

Meine Mutter benötigte noch Kerzen für den Weihnachtsbaum. Sie wollte jetzt aber nicht allen Ernstes richtig Kerzen für den Tannenbaum besorgen? – Anscheinend doch. „Mama, warum kaufen wir echte Kerzen? – Wollen wir nicht eine LED-Lichterkette nehmen, …“rutschte es mir heraus. „Da gibt es gerade galaktisch gute Angebote auf Amazon.“ „LED-Lichterkette von Amazon? Wer ist Amazon? Das klingt wieder nach irgendeinem Quatsch aus dem Fernsehen. Nein Schätzchen wir nehmen die Bienenwachskerzen. Die duften immer so gut“, entgegnete sie. Und was soll ich sage, sie hatte Recht. Die Kerzen dufteten herrlich.

Aus den Lautsprechern ertönte Weihnachtsmusik. Aber wohin gingen wir? Wir gingen ja in eine komplett andere Richtung! Mir dämmerte es allmählich. Na klar, 1989 war der Weihnachtsmarkt nicht vor dem Theater, sondern am Ingolstädter Rathausplatz.

Der weihnachtliche Rathausplatz sah schön und festlich dekoriert aus. Vor dem Rathaus stand eine meterhohe Tanne, darum etliche kleine süße Verkaufsstände. Die Sparkasse war noch ein backsteinbraunes Gebäude es standen ein paar Bäume mehr als heute. So hatte ich das gar nicht mehr in Erinnerung.

„Magst du eine Runde Karussell fahren?“, fragte mich meine Oma. Was für eine Frage. Natürlich, klar. Mein Vater kaufte mir einen Fahrchip. Ich stieg auf das Karussell und setzte mich auf einen weißen Holzschimmel. Einen Moment dachte ich, hoffentlich bricht er nicht zusammen, aber ich vergaß, dass ich ungefähr 40 Kilo leichter war als sonst in der Vorweihnachtszeit. Aus den Lautsprechern dröhnte Last Christmas und ich grübelte einen Moment wie lange es dieses Lied schon gab.

Während ich auf dem Karussell meine Runden drehte, winkte mir ein Mädchen zu. Erst ignorierte ich sie. Da musste mich wohl jemand verwechseln. Ich war schließlich nicht das einzige Kind, das Karussell fuhr. Aber sie hörte nicht auf zu winken. Anscheinend schien sie mich zu kennen. Aber ich konnte mir keinen Reim darauf bilden, wer sie sein sollte. War sie vielleicht auch eine verwunschene Person? War ich vielleicht nicht alleine?

Als die Fahrt vorüber gewesen ist, kam das Mädchen auf mich und meine Eltern angerannt. „Hi, hast du mich nicht gesehen?“ – „Nein“, sagte ich verlegen. „Na ja egal, vielleicht brauchst du Mal eine Brille. Sag Mal hast du deinen Wunschzettel schon abgegeben?“ …Wunschzettel? – „Komm schnell, wir machen wir das“, motivierte mich sie. „Schnell der heilige Nikolaus ist gleich da.“

Sie hielt mir ihren Wunschzettel dicht vor die Nase und ich hatte endlich die Gelegenheit ihren Namen zu lesen. ANNIKA stand da fett und etwas schief in Druckbuchstaben. Das war also Annika, meine damalige Grundschulfreundin. Wahnsinn, ich hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Konnte ich ihr anvertrauen, dass ich in Wirklichkeit aus dem Jahr 2023 war? Vielleicht war sie auch in einem Kinderkörper gefangen wie ich. Vielleicht war das so ein Aufzug mit dem man nicht in die Haushaltswarenabteilung, sondern in ein anderes Zeitalter reist. Ich war total durcheinander.

„Was ist denn heute los mit dir? Hast du schon geschrieben, dass du das neue Polly Pocket zu Weihnachten willst? Tagelang hast du mich damit genervt. Fix, sonst ist der heilige Nikolaus über alle Berge.“ „Gut, dann gib den Zettel her“, sagte ich etwas schnippisch und schrieb ganz fett POLLY POCKET drauf. „Wow, also deine Handschrift ist ja echt astrein. Verstehe gar nicht, warum du in der Schule immer nur eine drei bekommst.“ Ja, ich erinnerte mich, dass Schönschrift nicht gerade mein Lieblingsfach war. Zum Glück war das als Erwachsene kein Thema mehr.

Ein bauchiger älterer Herr mit Vollbart, der Ingolstädter Nikolaus, kam vorbei und sammelte die Wunschzettel ein. Er lächelte uns beide an und fragte, ob wir auch brav gewesen seien. Natürlich nickten wir beide ganz eifrig. Als Belohnung gab es für jede einen kleinen Schokonikolaus. Annika fing an ihn auszupacken. Ich hingegen steckte ihn in meine Tasche.

Annika sah mich seltsam an. „Also sag Mal, magst du heute keine Schokolade?“ – „Doch“, antworte ich, „aber ich hebe sie mir für später auf.“ „Ahja“, sagte sie ungläubig. „Ansonsten vernichtest du ja Schokolade im Nu. Bist du heute krank?“- „Nein“, sagte ich. „Na gut, ich dachte schon, wir wollen nämlich heute Nachmittag Eislaufen gehen.“ Ach perfekt, jetzt sollte ich noch Eislaufen. Ich war bestimmt seit zwanzig Jahren nicht mehr auf dem Eis.

Meine Großeltern, Annika und ich schlenderten zum Parkplatz am Theater. „So, einsteigen die Damen wir fahren in die Jahnstraße“, sagte mein Opa. „Genau wie jeden Dienstag, wenn du Training hast.“, fügte Annika hinzu. Stimmt, da war ja was. Ich war früher im Eislaufen an der Jahnstraße. Und klar, 1989 gab es ja die Saturnarena noch nicht. Da war die Jahnstraße natürlich die erste Adresse zum Eislaufen. Oh mein Gott, wie herrlich. Einmal noch in der alten Eishalle meine Runden ziehen.

Annika und ich wurden von meiner Oma in einem Kindersitz auf der Rückbank des Autos angegurtet. Ich war schon lange nicht mehr in einem Kindersitz. Eher war ich die Person, die andere Leute darin festschnallte. Ich fühlte mich zugegebenermaßen etwas eingeengt. Aber es war ja nur zu meiner Sicherheit. Woher sollten meine Großeltern denn auch wissen, dass ich schon Erwachsen war und selbst Auto fahren durfte. Man konnte es mir schließlich nicht ansehen.

Im Auto lief im Radio Bayern 3. Nach ein paar Weihnachtssongs kamen die Nachrichten. „Liebe Hörerinnen und Hörer, wir haben Samstag, den 23. Dezember 1989. Es ist 15:00 Uhr“. Wow, jetzt habe ich es mit meinen eigenen Ohren gehört. Ob ich jemals wieder zurückkomme? Zurück ins Jahr 2023, zu meiner Familie, meinem durchfallgeplagten Hund, meinen Freunden?

Der grüne Audi 80 bog in den Hallenbadparkplatz an der Jahnstraße ein. Es sah alles vertraut und doch anders aus. Die Donau floss gemütlich durch die Ingolstädter Winterwelt. Die Glacisbrücke gab es noch nicht. Sie wurde erst knapp zehn Jahre später eingeweiht. Und da drüben, stand meine spätere Schule, das Christoph-Scheiner-Gymnasium.

Nachmittags fing es an zu schneien. Die Stimmung im Eislaufstadion war schön. Man merkte, dass es der Tag vor Weihnachten war. Während Annika und ich unsere Runden drehten, machten es sich meine Großeltern mit einem heißen Punsch auf den Zuschauerbänken gemütlich. Und ich fuhr zu meinem eigenen Erstaunen, wie eine Eisprinzessin.

Ich schwebte über die Eisfläche und es ging alles wie von selbst. Irgendwann packte es meinen Opa und er fuhr ein paar Runden mit uns. Ich wollte mich mit meinen dicken Fäustlingen zwicken, weil der ganze Nachmittag so magisch war. Aus den Lautsprechern ertönte zum dritten Mal an diesem Tag Last Christmas und ich begann, eine Pirouette zu versuchen. Ich nahm ordentlich Schwung und drehte mich. Es funktionierte wie geschnitten Brot. Ich drehte mich superschnell um meine eigene Achse. Ich hörte noch das Klatschen meines Opas und Annika die „Super“ rief, danach wurde mir ganz schwindelig.

Auf einmal war alles schneeweiß vor meinen Augen. Mir war total schummrig im Kopf. Mein Körper schien davon zu schweben. Ich konnte nicht begreifen, was geschah. Wie durch eine Wolke sah ich meine Großeltern auf den Zuschauerbänken Punsch trinken. Ich sah Annika und die anderen Kinder, die weiter ihre Pirouetten übten. Und ich sah mich selbst. Ganz verschwommen konnte ich unten in der Mitte die Umrisse eines kleinen Mädchens erkennen. Das war ich. Ich drehte mich unglaublich schnell. Ich konnte mich von oben sehen und entfernte mich immer weiter. Irgendwann schlossen sich meine Augen und ich musste das Bewusstsein verloren haben. Als ich wieder aufwachte, tat mir mein Kopf weh. Ich sah nach links und rechts und fand ich mich in einem moosgrünen Aufzug wieder. Neben mir standen die Feuerwehr und die Ladenbesitzerin. Der Aufzug sei stecken geblieben.

Verdutzt sah ich an mein Armgelenk auf meine Smartwatch. Es war Dezember 2023. Juhu, ich war wieder zurück. Ich griff in meine Jackentaschen. Mein Smartphone und meine Autoschlüssel waren wieder da. Aber halt, da war noch was. In meiner Jackentasche war ein kleiner Schokoladennikolaus. Er lächelte mich neckisch an. Wow, das war der Schokonikolaus, den ich mit Annika vom heiligen Nikolaus bekommen habe, als wir unseren Wunschzettel abgeben haben. Ich blickte an mir herunter. Meine lila Klamotten waren weg. Stattdessen trug ich eine Jeans, einen weißen Pulli und eine grüne Winterjacke. Es war verrückt. Ich war wieder zurück im Jahr 2023.

Am Ausgang des Kaufhauses warteten bereits mein Mann und meine Tochter auf mich. „Mama, wo bist du gewesen? Wir haben dich vermisst. Dein Smartphone war aus. Papa sagt du hast in einem Aufzug übernachtet. Hast du den Weihnachtsmann getroffen, Mama?“, fragte meine Tochter mit großen leuchtenden Augen. Ich wusste selbst noch gar nicht was passiert war. „Ja, ich glaube schon“, sagte ich. „Und es war magisch.“ Mein Mann sah mich ungläubig lächelnd an. Aber es stimmte. Wer sonst, wenn nicht das Christkind und der Weihnachtsmann, hätten mir so einen magischen Vorweihnachtstag zaubern können?