Eine vorweih­nachtliche Erinnerung

von Konrad Müller

Ingolstadts verwunschene Weihnachtsgschichte Nummer 13

Eine hölzerne, rußgeschwärzte Laterne hängt in meinem Hausflur. Sie erinnert mich an die Vorweihnachtszeit um das Jahr 1942.

In der Schule lernten wir „Erstklassler“ das Stille Nacht-Lied und wer falsch gesungen hatte, erhielt mit einem Stock eine Tatze auf die Finger. Das tat weh, aber die Schmerzen vergingen wieder. Schlimmer waren meine Zahnschmerzen.

Meine Mutter sagte: „Morg`n fahr`n ma in d`Stodt. Ich brauch` verschiedene Sach`n und du gehst zum Zahnarzt. Musst aber schon  ganz früh aufsteh`.“ Vom Zahnarzt war ich nicht begeistert, wohl aber von meiner ersten Zugfahrt in die Kreisstadt und noch mehr vom Schulschwenz`n.

Es war noch stockfinster, als wir aufbrachen. Warm angezogen, erhielt ich noch einen Rucksack umgehängt, und ich musste auch die Laterne tragen, in der eine Kerze brannte, um nicht vom Weg abzukommen. Über uns glitzerten die Sterne. Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel und ehe sie im Schnee zu verlöschen schien, wünschte ich mir schnell eine Mundharmonika. Nach 2 Stunden Fußmarsch erreichten wir im Altmühltal den Bahnhof. Mit Fauchen und Getöse näherte sich die rauchende Lokomotive mit den Waggons, in denen Leute saßen. Wir stiegen hinzu. Draußen in der eiskalten Winterlandschaft huschten die Häuser vorbei, in denen manchmal Licht brannte. Nach einer Stunde Fahrt erreichten wir die Kreisstadt. Zunächst führte mich die Mutter in eine ganz große Kirche, es war ein Dom. Dort war eine Krippe aufgebaut. Meine Mutter warf ein Zehner`l in einen Kasten, ein Licht ging an und man konnte nun die Geburt Jesu sehen. Man glaubte wahrhaftig  in Jerusalem zu sein. Nur war alles viel kleiner dargestellt, aber ich war sehr beeindruckt und hatte fast meine Zahnschmerzen vergessen.

Aber meine Mutter erinnerte mich und führte mich zum Zahnarzt. Nach kurzer Zeit hatte ich meinen ersten Zahn verloren (mittlerweile sind es mehr). Obwohl ich noch blutete, durfte ich meine erste Brezel essen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Im Schaufenster sah ich eine Schimütze, die ich so gerne gehabt hätte. Im Geschäft erkundigte sich meine Mutter nach dem Preis der Mütze. Er war ihr zu hoch und meine Enttäuschung war nicht zu übersehen. Der Verkäufer, ein ergrauter, vornehmer Mann, machte mir den Vorschlag, dass mir die Mütze gehöre, wenn ich sie mit Nüssen füllen würde. Ich stand wohl etwas ratlos und so stülpte er mir die Mütze über den Kopf und meinte: “Das mit den Nüssen, das hätte noch Zeit.“ Hocherfreut verließ ich mit der neuen Mütze das Geschäft. Nun lenkte ich unaufdringlich meine Mutter an das nächstliegende Musikgeschäft und zeigte ihr eine im Fenster liegende Mundharmonika. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich nie mehr etwas anstellen würde, wenn ich sie bekäme. Doch sie lehnte ab und meinte, sie müsste Dinge kaufen, die wichtiger sind. Nach einigen Besorgungen traten wir den Heimweg an, und es begann bereits zu dämmern, als wir schließlich nach meinem ersten Stadtbesuch zu Hause todmüde ankamen.

Und so  endete ein Tag, an den ich mich gerade zu Weihnachten immer wieder gern erinnere. Ich muss natürlich noch erwähnen, dass am Hl. Abend zu meiner Überraschung eine Mundharmonika unter dem Christbaum lag. Ich habe sie heute noch. Ich habe auch keineswegs die Großzügigkeit des Verkäufers der Schimütze vergessen und habe so viele Nüsse gesammelt, dass er mehrere Mützen damit füllen konnte. Ich durfte noch oft mit meiner Mutter Weihnachten feiern, am Weihnachtstag 1969 starb sie.