Ein Weih­nachtsgeschenk für Omi

von Dagmar Schiller

In großer Armut wuchs sie auf
Begleitet von Hunger ihr Lebenslauf
Über ein Halbdutzend Geschwister, niemand wurde satt
Ganz klar, dass niemand ein Spielzeug hat.

Eine Puppe, das war ihr schönster Traum
Sie jedoch besaß nur einen Ast vom Baum
Ein Gesicht hatte sie ihm angemalt
Ein Taschentuch als Kopftuch für die kleine Gestalt.

Fertig war ihr Püppchen aus Holz
Des kleinen Mädchen ganzer Stolz
„Tanz mein kleines Püppchen, du“
Sang die Kleine immer zu.

Die Jahre vergingen, das Kind wurde groß
Der Wunsch nach einer Puppe ließ nie sie los.
Auch als Mutter musste sie sparen.
Doch ihrer Tochter schenkte sie eine Puppe in jungen Jahren.

Nun konnte sie schon auf Enkelkinder schaun
Ihnen erzählte sie oft von ihrem Kindertraum.
„Tanz mein kleines Püppchen, du“
Die Enkel wollten es hören immerzu.

Doch eines Tages wurde er endlich erfüllt
Wurde lang verdrängte Sehnsucht gestillt.
„Hier, Omi, die ist für dich.
Ich hab genügend noch für mich.“

Tränenden Blickes drückt sie die Puppe an sich
„Das erste Mal – eine Puppe für mich“
Damit zu spielen, dafür fühlte sie sich zu alt
Doch bei jedem Blick auf die Puppe –
Ihr Herz ebenso wie die Augen strahlt.