Der Siebte – Eine märchenhafte Geschichte nicht nur zur Weihnachtszeit

von Michael Brandl

Als ich vor vielen Jahren zur Weihnachtszeit als fahrender Händler auf dem Weg nach Ingolstadt durch Hessen reiste, drückte mir im Hinterzimmer einer abgelegenen Gastwirtschaft im Odenwald, in der ich übernachtete, ein knorriger alter Mann ein vom Staub längst trüb gewordenes Glas in die Hand. Es war mit einem Deckel verschlossen und darin war ein in zwei Hälften zerschnittener Apfel eingelegt. Obwohl ich die Apfelhälften darin für sehr alt hielt, hatte zumindest die Schale der einen Hälfte kaum etwas von ihrer festen, roten Farbe eingebüßt. Ansonsten konnte ich mit dem Behältnis nicht viel anfangen und schwenkte es im dämmrigen Licht der Gaststube gelangweilt hin und her. Ich war müde von der langen Fahrt und konnte kaum noch klar sehen. Das alte Männlein jedoch schien dies gar nicht zu bemerken. So saßen wir uns gegenüber bei zwei fast leer getrunkenen Krügen sauren Apfelmosts.

„Du musst es dir genauer ansehen“, krächzte der kurz gewachsene Alte und tippte mit seinem knochigen Finger auf das Glas. „Es ist etwas Besonderes. Ein Relikt aus der Zeit der Zauberwesen und dunklen Regenten, der kühnen Prinzen und fleißigen Gesellen, die einst Land und Wälder, Berge und Täler hier regierten, durchwanderten und bestellten.“ Er lachte mich an und eine fast zahnlose Mundhöhle kam zum Vorschein. Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil ich insgeheim glaubte, den Alten schon durchschaut zu haben. Bestimmt wollte er mir sein „ach so besonderes Glas“ zu einem spektakulären Preis veräußern. Deshalb sein wichtiges Gehabe, so meine Vermutung. Ich schwenkte es erneut, und die Apfelstücke schwebten in dem Serum, das sie konservierte. Sie drehten sich vor meinen müden Augen, so dass eine Stelle sichtbar wurde, an der ein Stück der roten Apfelhälfte fehlte. Als wäre es herausgebissen worden.

„Siehst du es?“ fragte der Greis und zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch.
„Ja, und? Er ist angebissen“, entgegnete ich, als würde mich das nicht weiter erstaunen. Äpfel waren nun einmal zum Essen da. „Was bitte hat das mit Zauberwesen zu tun?“

Der Alte räusperte sich krächzend. „Mit diesem Apfel wäre beinahe ein Mord verübt worden. Es ist der Apfel, mit dem einst das Stiefkind der Königin vergiftet werden sollte. „Wir starrten uns im Dämmerlicht an. „Sneewittken“, stieß er dann heiser hervor.

„Schön“, sagte ich. „Aber sie lebt noch, wenn ich dich recht verstanden habe.“ Mein Kommentar kam staubtrocken, denn von einem Sneewittken hatte ich nie gehört. Er begann röchelnd zu lachen und sein Lachen steigerte sich und wurde lauter und lauter, bis ich schallend mit einstimmte. Dann ging die Tür auf und der Wirt schaute fragend herein. Ob wir noch etwas zu trinken wollten, erkundigte er sich. Der Alte blickte unentschlossen. Ich aber bestellte noch zwei Gläser Most. Eins für mich und eins für den Greis. Dann fiel die Tür wieder zu.

„Du glaubst mir nicht?“ fragte der Alte.

„Wofür hältst du mich? Für einen Narren?“ bellte ich schroff zurück.

Zäh sog er Luft in seine ledernen Lungen. Es klang, als würde der Wind durch Fensterritzen pfeifen. „Mein Urgroßvater, er war der Siebte“, begann der Alte mit stockender Stimme zu erzählen. Es kostete ihm wohl einige Überwindung, sich vor mir – dem Jüngeren – rechtfertigen zu müssen. „Er musste das Haus verlassen, als das Mädchen auftauchte und die anderen mit ihrer unglaublichen Schönheit bezirzte. Sie war ausgerissen, weil sie die Erniedrigungen ihrer Stiefmutter nicht mehr ertragen konnte.“ Der Alte bewies Erzähltalent, stellte ich fest und spitzte nun doch meine Ohren.

„Der Siebte war damals schon alt und gebrechlich“, fuhr er fort. „Die Arbeit im Stollen ging ihm auf die morschen Knochen und sein Buckel war mit den Jahren krummer und steifer geworden. Er war den anderen Sechsen schon lange eine Last. Und so bissen ihn als den Schwächsten unter ihnen zuerst die Hunde.“ Er legte eine Pause ein und sah mich aufmerksam aus trüben, schmalen Augen an, während er den Kopf leicht wog und seine morschen Nackenwirbel krachten. „Zwerge sind nicht so sanfte und gutmütige Gesellen, wie die Menschen glauben. Sie können gemein sein. Ja gnadenlos“, klärte er mich auf. Da flog die Tür auf und der Wirt brachte den Most.

„Zwerge…?“ murmelte ich ungläubig, als er wieder verschwunden war.

Der Alte nickte mit ernster Miene. „Sie waren wie geschaffen für den Erzabbau. Manchmal nahmen sie auch Kinder mit in den Stollen. Waisen, denen sie zum Lohn für die erbärmliche Schufterei etwas Essen und eine einfache Unterkunft gaben.“

Ich hob den Krug und spülte meine Verblüffung mit einem großen Schluck Wein hinunter. „Wie dem auch sei“, fuhr er fort. „Nachdem sie ihn verstoßen hatten, weil er die Arbeit nicht mehr schaffte und nun ein so schönes, blaublütiges Kind an seine Stelle getreten war, welches auch noch das Haus versorgte, suchte mein geächteter Vorfahre die Regentin auf. Sie war ebenfalls unbeschreiblich schön, aber auch eitel und getrieben von einer zwanghaften Missgunst. Nur besonders klug war sie nicht. So plante sie, die ungeliebte Stieftochter mit einem Mieder zu Tode zu bringen, nachdem ein bestellter Jäger, der ihr den Garaus machen sollte, ihre Spur verloren hatte. Doch der Siebte riet ab, hatte er doch einen viel besseren Einfall. Er präparierte einen Apfel so geschickt, dass das Gift, das er in die Frucht injizierte, nur in einer Hälfte wirkte. Durch einen Biss in den Apfel würde das Lebenslicht des schönen Kindes für immer erlöschen, ohne dass der geringste Verdacht auf die königliche Hoheit fiele, so sein Plan. Die Regentin war begeistert und versprach dem Siebten, sie würde ihn zu einem reichen Mann machen, falls der Plan funktioniert. Jedenfalls machte sie sich als Bäuerin verkleidet auf den Weg zu den verborgenen Stollen. Den Weg, den ihr mein Urgroßvater aus Rache über seine Verbannung verraten hatte…“

Der Alte redete noch eine Weile weiter, doch nicht jedes Wort kam noch bei mir an, befand ich mich mittlerweile jenseits des Dämmerzustands. Nur mit Mühe konnte ich mich noch sitzend halten. Kurz und gut: Für das Glas knöpfte mir der Alte zu nächtlicher Stunde eine stolze Menge Geld ab, das ich ihm schlaf- und apfelmosttrunken über den Tisch schob. Ich würde der Menschheit damit einen großen Dienst erweisen, versicherte er mir. Und sie werde sich noch lange an Sneewittken erinnern, schwor er. „Meine Zeit ist bald um“, schloss das greise Männlein. „Deshalb möchte ich mein Kleinod jemandem anvertrauen, der es zu schätzen weiß. Du bist nun derjenige, Händler.“

„Gut, gut“, brachte ich mit letzter Kraft hervor, packte das Glas mit beiden Händen, die mir kaum noch gehorchten, und zog mich in meine Kammer zurück. „Lang lebe Schlawinchen oder wer auch immer“, lallte ich noch, bevor ich aus der Stube torkelte und mich endlich zur Ruhe legte.

Am nächsten Morgen riss mich plötzlich ein Gedanke aus dem Schlaf. Er kam mir wohl im Traum, denn sein Bild war in dem Moment verschwunden, als ich die Augen aufschlug. Alles, an das ich mich erinnern konnte, war das Gesicht eines knorrigen Greises, das mir höhnisch ins Gesicht lachte. In seiner Hand klimperte ein Haufen funkelnder Münzen. Mir wurde unweigerlich klar, dass an dem Handeln von heute Nacht etwas faul gewesen sein musste. Ich stürmte halb angezogen die Treppe hinunter und rief nach dem Wirt. Doch der sah mich nur bedauernd an. Der Alte habe sich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg gemacht, nachdem er die Schulden für seine Unterkunft endlich bezahlt hatte, sagte er. Ich erstarrte. Wie lange war ich nun schon als Händler unterwegs, dass mir das nicht passieren hätte dürfen? Niemals hätte ich dem alten Gauner so viel Geld für ein wertloses Glas mit einem noch wertloserem Apfel geben dürfen! Ich ärgerte mich so sehr über meinen Leichtsinn, dass ich sogar die Vesper ausschlug, die mir der Wirt servieren wollte. Ich hätte wohl wirklich das schlechtere Geschäft gemacht, meinte er dann ganz nebenbei. „Wieso das schlechtere?“ wollte ich wissen. Ein anderer Gast auf der Durchreise habe dem Alten zuvor etwas abgekauft. Einen uralten matten Spiegel, der angeblich sprechen könne, erzählte er. Der habe immerhin annähernd so ausgesehen, als sei er etwas wert, meinte er dann schulterzuckend.

Den Alten habe ich nie wiedergesehen. Auf der Rückreise von Ingolstadt traf ich im hessischen Hanau einen Tag vor Heilig Abend jedoch einen alten Kunden. Er kaufte ab und an aus meinem Sortiment der Kuriositäten. So bot ich ihm, da ich in der Donaustadt keinen Abnehmer gefunden hatte, das geheimnisvolle Glas mit dem eingelegten Apfel zu einem Freundschaftspreis an, und er zögerte nicht lange, weil er noch nach einem skurrilen Weihnachtsgeschenk für einen verschrobenen Sammler aus seinem Bekanntenkreis suchte. Da wir beide etwas Zeit hatten, lud ich ihn zu einem Umtrunk ein, und erzählte ihm von einem merkwürdigen Treffen mit dem Greis. Aufmerksam hörte er zu und war sehr angetan vom Schicksal des schönen Mädchens, das sich angeblich hinter dem Apfel verbarg. Hin und wieder machte er sich sogar Notizen in ein Büchlein und ließ sich von meiner Geschichte scheinbar inspirieren. Dass Zwerge böse sein sollen, gefiel ihm allerdings ganz und gar nicht. Nach einer guten Stunde gingen wir schließlich auseinander und reichten uns zum Abschied die Hand. „Es war mir wie stets ein Vergnügen, Jakob. Und grüßt mir den Bruder. Frohe Weihnachten“, verabschiedete ich mich von Herrn Grimm.

Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, jemals von einer Geschichte hören, in der eine böse Königin ihre Stieftochter um das Leben bringen will, dann wissen Sie nun, wer den mörderischen Plan entworfen hat. Vielleicht ist alles aber nur ein Märchen. Wer weiß das schon?

ENDE