Besinn­­­­liche ­­Weih­­nachten allerseits!

von Carmen Mayer

Ingolstadts verwunschene Weihnachtsgschichte Nummer 8

Meine Schwester und ich waren am Heiligen Abend des vergangenen Jahres unangenehm aufgefallen, weil wir uns weigerten das von unseren Eltern alljährlich verordnete‚ besinnliche Weihnachten artig mitzugestalten. Wir fanden, Weihnachten sei ein Geburtstag und gehöre entsprechend gefeiert. Traurig rumsitzen könne man an Karfreitag, und da sei noch lange hin.

Man verbannte uns schließlich vom Wohnzimmer in die Küche, wo es Berge von Geschirr abzuspülen galt. Eine Spülmaschine hatten wir damals noch nicht. Also zogen wir uns kichernd und im festen Glauben daran zurück, mit unserer Einstellung richtig zu liegen, erledigten den Abwasch, und nahmen irgendwann die Gänse-Reste mit ins Bad, um sie dort zu verspeisen. Wir wollten nicht gestört werden. Als Mutter uns aufspürte, war es vollends vorbei mit der Besinnlichkeit.

All das nun führte dazu, dass man uns in diesem Jahr bereits in der Zeit vor dem Ersten Advent ermahnte, es doch etwas der Zeit angemessen anzugehen. Heißt: besinnlich bis sehr besinnlich. Vor allem mit Rücksicht auf Großvater, der sich immer schmollend mit er Zeitung aufs Klo zurückzog, wenn es ihm zu unbesinnlich wurde. Sagte unsere Mutter jedenfalls. Alles so gar nicht unser Ding. Aber wir waren gewillt, nicht aufzufallen und hielten uns dezent zurück. So weit es eben ging.

Wie weit es ging, werden Sie gleich selber sehen.

Zunächst einmal hatte unsere Mutter beschlossen, von einem Floristen einen dieser wunderschönen kleinen Weihnachtsbäume binden zu lassen, mit denen man, kerzchenbestückt und mit künstlichem Schnee besprüht, Familiengräber weihnachtlich dekorieren konnte. In diesem Fall das Grab der Großeltern mütterlicherseits.

Sie zeigte dem Floristen ihres Vertrauens, wie hoch das Bäumchen werden sollte und bat ihn, es zum Ersten Advent auf das Grab zu stellen.

Zweierlei überraschte sie an diesem Adventssonntag.

Erstens der Anblick jenes Prachtexemplars, das alle Grabsteine überragte und von seinen Ausmaßen her nichts mehr mit einem ‚Bäumchen‘ zu tun hatte. Umringt wurde das sozusagen aus der Reihe fallende Grab von einer Traube Friedhofsbesucher, deren Getuschel schlagartig aufhörte, als man unserer Mutter ansichtig wurde.

Meine Schwester und ich hatten mit müssen, weil sie uns nicht allein zu Hause lassen wollte, wo wir bestimmt nur wieder Blödsinn machen würden. Jetzt war ihr das offensichtlich auch wieder nicht recht, weil wir in kaum verhohlener Freude zusahen, wie sich die schwarz gekleidete Meute mit vielsagenden Blicken umwandte und zwischen den übrigen Gräbern verschwand.

Zweitens war da der Preis, der für diese floristisch untadelig ausgeführte Arbeit auf der Rechnung stand, die einen Tag später in unserem Briefkasten lag. Nachdem sich unsere Mutter einigermaßen von dem erlittenen Schock erholt hatte, marschierte sie kurzerhand zu ihrem Floristen und bat um Aufklärung. Der fühlte sich völlig unschuldig. Meine Mutter hatte ihm über dem Ladentisch die Höhe des Bäumchens mit der Hand angezeigt. Wohl so um die 30, 40 cm. Der sich unschuldig Wähnende hatte den Ladentisch mit etwas mehr als siebzig Zentimetern dazugerechnet …

Da wir auch in diesem Fall wieder mit mussten, bekamen wir die Weigerung des Unschuldigen mit, auch nur einen Pfennig von seiner Rechnung runterzugehen. Schließlich habe er eine klare Order bekommen und sauber ausgeführt. Nächstes Mal möge sie halt nicht mit der Hand herumfuchteln, sondern das gewünschte Maß in Zentimetern angeben.

Tja.

Wir erfuhren noch am selben Tag, dass die Weihnachtsgans dieses Jahr gestrichen wurde – und das mit einem unmissverständlichen Blick auf meine Schwester und mich. Uns war natürlich sofort klar, dass die Kürzung des Weihnachtsessen-Etats nichts mit uns und den unerlaubt verspeisten Gänseresten vom vergangenen Jahr, sondern mit dem Christbäumchen auf dem Friedhof zu tun hatte. Vielleicht, so dachten sich unsere Eltern vermutlich, würden wir ein schlechtes Gewissen bekommen und uns wunschgemäß besinnlich verhalten. Erwachsene denken manchmal sehr um die Kurve, fand ich. Nun ja. Es würde also keine Gans, sondern Wiener und Sauerkraut am Heiligen Abend geben, erfuhr die Familie. Was wir beide sofort erkannten war: Die Würstchen wurden abgezählt. Also kein noch so fröhliches im-Bad-Nachspeisen wie im vergangenen Jahr.

Aufgrund des Desasters mit dem Friedhofsbäumchen beschloss unser Vater, den Weihnachtsbaum selber zu besorgen. Unsere Mutter fügte sich kommentarlos in diese Entscheidung und kümmerte sich in der Folge lieber um Dinge, die kaum was bis gar nichts kosteten. Küche grundreinigen beispielsweise. Eine Beschäftigung, an der sie uns selbstverständlich beteiligte. Um uns nicht aus den Augen zu verlieren, wie sie behauptete.

Schlau, wie unser Vater sich wähnte, kaufte er den Baum am 23. Dezember und bekam ihn auch recht günstig, wie er stolz verkündete. Unsere Mutter hatte die Bäume bislang immer frühzeitig gekauft, um ja einen der schönsten zu ergattern. Waren halt ein bisschen teurer. Vater nahm den seinen noch zusammengeschnürt mit in unser Wohnzimmer, das wir ab sofort nicht mehr betreten durften. Dort machte er sich eigenhändig daran, ihn zu schmücken.

Unsere Mutter war damit beschäftigt, das Mittagessen zuzubereiten. Es sollte Reis mit Huhn geben. Uns hatte sie aus der Küche verscheucht mit dem Auftrag, unser Zimmer picobello aufzuräumen und sie ja in Ruhe zu lassen. Es sei abzusehen, dass wir irgendwas anstellten, was sie in dieser ohnehin stressigen Zeit nicht die Bohne vertragen könne.

Irgendwann rief unser Vater nach ihr: Die Aufhänger für seine Christbaumkugeln reichten nicht, ob sie nicht eben welche im Laden um die Ecke besorgen könne. Sie konnte und ermahnte uns, unbedingt auf unserem Zimmer zu bleiben und uns darauf zu besinnen, in welcher Zeit wir uns befanden. Auch mit Rücksicht auf Großvater, der sich nun mal Besinnlichkeit wünsche.

Den Braten – beziehungsweise den Reis – rochen wir kurz bevor sie zurückkam. Er war angebrannt, und samt Topf zu nichts mehr zu gebrauchen. Nicht davon zu reden, wie Küche und Flur nach Angebranntem stanken, und dass es ein paar unbesinnliche Worte gab. Allerdings nicht von meiner Schwester und mir. Wir konnten uns ein verhaltenes Lachen nicht verkneifen und zogen uns schleunigst auf unser Zimmer zurück, bevor man uns dort hinbeorderte.

Unsere Mutter kümmerte sich grummelnd um die verrauchte Küche, unser Vater um seinen Baum, und wir harrten der Dinge, die am Heiligen Abend auf uns zukommen sollten.

Es gab, wie angekündigt, Wiener und Kraut zum Abendessen. Mutter hatte noch Brötchen dazu gekauft, die es wirklich nur an Feiertagen gab – alles perfekt. Dieses Jahr hatten wir schon eine Spülmaschine, was uns beiden, also meiner Schwester und mir, den Abwasch ersparte. Das mit dem Klavierspiel zu besinnlichem Zwecke verkniff ich mir mit der Begründung, das Instrument müsse seit Monaten gestimmt werden, und so könne ich keine Weihnachtsmusik machen.

Also wurde ohne Klavierbegleitung gesungen. Oh du fröhliche …

Ich hatte mich angeboten, ersatzweise für die ausgefallene Klavierbegleitung die Weihnachtsgeschichte vorzulesen, aber unser Vater bestand darauf, das selber zu tun. Man könne meiner Leserei einfach nicht zuhören, was vermutlich die Besinnlichkeit zunichte machen würde. Also setzte er sich mit feierlicher Miene in seinen Sessel vor dem Baum.

Ach ja, der Baum. Das war wirklich ein Prachtexemplar an Fehlwuchs und schien seine beste Zeit bereits vor Wochen hinter sich gelassen zu haben. Was zusammengenommen seinen äußerst günstigen Preis absolut rechtfertigte. Niemand wagte, sich dazu zu äußern. Die Großeltern waren damit beschäftigt, ein feierliches Gesicht zu machen. Großvater hatte bereits die Tageszeitung auf den Knien liegen wie jeden Abend nach dem Essen. Bei einem Seitenblick auf unsere Mutter meinte ich Tränen in ihren Augen zu sehen. Allerdings ließ mich ihr bewegter Gesichtsausdruck darauf schließen: Es waren Tränen der Rührung.

Wie nun unser Vater dasaß, die Bibel an der markierten Stelle aufschlug, um das Lukas-Evangelium mit der Botschaft zur Geburt des Herrn zu verkünden, schauten meine Schwester und ich andächtig den Baum hinter ihm an. Beziehungsweise: Wir waren ernsthaft bemüht, die feierliche Stimmung nicht zu stören. Nach dem ‚Und es begab sich aber …‘ hatte ich jedoch plötzlich das Gefühl, das Wohnzimmer schwanke. Erschrocken schaute ich auf unseren Vater, der jedoch unbekümmert weiterlas. Es war allerdings auch nicht das Wohnzimmer, das sich bewegte, sondern der Baum. Er kippte ganz langsam nach vorne. Nur von meiner Schwester und mir beobachtet, da unsere Mutter und die Großeltern väterlicherseits andächtig auf ihre gefalteten Hände schauten. Unser Vater dürfte zuerst das leise Rieseln auf seinen breiten Scheitel bemerkt haben, was er allerdings ignorierte und davon unbeeindruckt weiterlas. Auch das silbern glitzernde Sternchen, das auf sein Resthaar gefallen war, schien ihn nicht zu stören. Aber dann kam der ganze Nadelsegen mitsamt dem Baum in beeindruckender Langsamkeit auf ihn herunter – zum Glück glänzen seit Jahren elektrische Kerzen an unseren Weihnachtsbäumen – und hüllten ihn und seinen Sessel beinahe vollständig ein.

Jetzt war es vorbei mit unserer Beherrschung. Meine Schwester und ich brachen in schallendes Gelächter aus, und wir verzogen uns vorsichtshalber in die Küche.

Ich weiß nicht, was sich im Wohnzimmer noch tat, nachdem wir es verlassen hatten. Ich weiß nur, dass wir das zweite fröhliche Weihnachtsfest in Folge kurz darauf im Bad verbrachten. Unter uns: Es waren noch Würstchen übrig geblieben, die wir, wie im vergangenen Jahr die Gans, im Bad zu verspeisen gedachten. Nicht, dass wir noch hungrig waren. Neiiiin. Traditionen sind dazu da, gepflegt zu werden, nicht?

Allerdings taten wir das nicht ungestört. Denn kaum, dass wir auf dem Wannenrand saßen und uns prustend und lachend gegenseitig die Schicksalsschläge dieser Weihnachtszeit immer wieder vor Augen hielten, tröpfelten nach und nach die anderen Familienmitglieder herein. Unser Vater hatte noch Tannennadeln im Haar, das Sternchen zierte sein linkes Ohr, und auch sonst sah er irgendwie aus wie ein Waldschrat. Unsere Mutter brachte Glühwein und die Großmutter eine Schale ihrer selbst gebackenen Plätzchen mit. So saßen wir zu fünft auf dem Wannenrand, als Großvater hereinkam und verkündete, hier drin sei es deutlich gemütlicher als auf dem kalten Klo. Ihm seien fröhliche Weihnachten im Bad ohnehin lieber als der ganze Besinnungsscheiß im Wohnzimmer.

Fanden wir auch … Also meine Schwester und ich.